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Place
des Martyres, Beirut 1994 |
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Témoigner,
Mathias Flügge (german)
Le sommeil de la raison, Joseph
Tarrab (german)
Victims in the Shadow of Account
– A Story Behind the Pictures of Salah Saouli,
Harald Friecke
Nur ein Hauch von Verlust, Katrin
Bettina Müller
The Way We’ve Always Done
Before, Michael Wollenheit
Energetic Depots – On the
New Works of Salah Saouli, Stefan
Rasche (german)
Some say that writing poetry is
impossible after Auschwitz, Wilhelm
Gauger
Wir wollen wieder gesehen werden
und euch sehen können, Wilhelm
Gauger
Le mot secret, Abbas
Beydoun
Obsession by Salah Saouli,
Heleen
Buijs
Supperpositions, Reiner
Höynck (german)
Das Labyrinth, Stefan
Rasche
Mathias Flügge
Bezeugen
Salah
Saouli ist Maler und er ist Zeuge. Wie ist das in Übereinstimmung
zu bringen: der Maler als Entwerfer einer parallelen
Wirklichkeit - der Zeuge als ins reale Geschehen verflochtene
Person, als ein Mitteilender, der den Ausgang des Prozesses
maßgeblich beein-flusst? Ist der Künstler
nicht zur Fiktion verpflichtet, wie der Zeuge zur Wahrheit?
Kann man Künstler auf eine Wahrheit festlegen und
Zeugen die Freiheit der Erfindung lassen? Salah Saouli
stammt aus Beirut, er hat den Krieg im Libanon erlebt,
die Zerstörung seiner Heimatstadt mit angesehen,
die Spuren fotografiert. Sein Gedächtnis ist voller
Bilder. Er ist danach an verschiedenen Orten dieser
Welt gewesen, scheinbar entspricht er dem Typus des
‘nomadisierenden’ Künstlers, der überall
zu Hause ist und nirgends und nur die Kunst als Heimat
hat. Das klingt verlockend zeitgemäß, ist
aber ein Klischee. Denn die Globalisierungsidee vom
unbegrenzt mobilen Künstler entstammt der westlichen
Praxis des Überflusses und der universalen Uniformität.
Starke Erlebnisse, gar katastrophische Prägungen
sind darin nicht vorgesehen. Man will das Andere und
meint doch Anpassung. Salah Saouli aber hat an allen
Orten, an denen er gewesen ist, seine Erfahrungen bedacht,
bearbeitet, dargestellt. Immer in anderen Zusammenhängen,
mit anderen Gesprächspartnern, anderen Präsentationsmöglichkeiten.
Er hat nach verständlichen Mitteilungs-formen gesucht,
aber es ist seine Geschichte. Wir kennen sie nur aus
den Medien, in unserem Gedächtnis ist sie von unzähligen
anderen Geschichten über Grausamkeiten verdeckt
und unscharf geworden. Aber für Salah Saouli hat
diese Geschichte viele Facetten, er hat sich ihnen auf
unterschiedliche Weise genähert, hat an die tausende
Vermissten dieses Krieges erinnert und uns ihre einzelnen
Bilder gezeigt, als ein Zeuge, der andere Zeugen aufruft;
einzelne Individuen, deren Geschichte wir nur ahnen
können, deren Gesichter uns aber merkwürdig
vertraut sind: Die Gesichter von Opfern, schwerer zu
vergessen als Nachrichten oder Statistiken.
Auch Städte sind Individuen, auch Städte können
Opfer sein, sie können vergessen werden und vor
allem können sie sich selbst vergessen. Das zerstörte
Beirut wurde vergessen. Berlin, die Metropole einer
unglücklichen Macht, ist auf dem Weg, sich selbst
zu vergessen im Wahn einer bewusstlosen Erneuerungswut.
Mit Bildern kann man lügen oder wahr sprechen,
wie mit Worten. Aber der Künstler als Zeuge steht
nicht unter dem Eid einer äußeren Macht.
Salah Saouli erzählt mit Bildern und er sucht nach
seiner Wahrheit. Er lebt seit 1984 mit Unterbrechungen
in Berlin. Die großen Städte Beirut und Berlin
sind die Angelpunkte seines Lebens, was lag näher,
als ihre Schicksale mit dem eigenen zu verbinden? Trotzdem
blieb es ein Wagnis. Aber je mehr der Künstler
sich auf dieses Wagnis einlässt, um so mehr bedarf
es einer gründlichen Recherche, die weit über
das Naheliegende bekannter und erkennbarer Situationen
hinausgeht und im Historischen nach Verweisen der Gemeinsamkeit
sucht. Das sind nur in seltenen Fällen bedeutungsstarke
Motive, zumeist geht es um die Anverwandlung einer künstlerische
Sprache. Der Maler Salah Saouli, der in ‘autonomen’
Bildern die Welt als Farbenrausch zu feiern versteht,
reduziert bei seinen Stadterforschungen das Material
zum kalten
Grau aus hellen Transparenzen und schwarzer Zeichnung.
Grundrisse, Silhouetten, Perspektivlinien, hart kopierte
Fotografien, kunstgeschichtliche Relikte aus den Stein-brüchen
der Museen, Palimpseste alter - oder scheinbar alter
- Schriften, Holzschnitte aus Flugblättern des
Mittelalters und des Dreißigjährgen Krieges
versammeln sich im Arsenal dieser kombinatorischen Praxis
der Bilder-findung. Zuweilen wird die melancholische
Grauung durch eine penetrante Buntfarbigkeit der falschen
Bilder von Postkarten und Reiseprospekten durchbrochen
- dabei eigentlich aber gesteigert.
Salah Saoulis Arbeit an den Bildtafeln folgt vordergründig
den Prinzipien der Collage. Allerdings ergeben die einzelnen
Bildteile nicht notwendig einen neuen Sinnzusammenhang,
in dem sie restlos aufgehen. Vielmehr bleiben sie als
Fragmente disparater Bildwelten lesbar oder zumindest
wiedererkennbar. Wir sind aufgerufen, unsere eigene
Erfahrung und unser Wissen um die jeweilige Konnotation
beizubringen und daraus den neuen Text zu konstruieren.
Doch damit nicht genug. Den ohnehin schon hohen Anspruch
an den Betrachter übersetzt Salah Saouli in Bewegung,
indem er aus den einzelnen transparenten - oder opaken
- Tafeln labyrin-thische Konstruktionen baut. Die installiert
er dann in Räumen und setzt sie ins Licht. Man
muß durch sie hindurchgehen, man sieht das individuelle
Bild, auf ihm das Detail, darin die kleinere Einzelheit,
man buchstabiert sich seinen Zusammenhang, weitet dann
unvermittelt den Blick, erfasst das Ganze. Je nach Standort
scheinen jetzt andere Bilder von anderen Tafeln auf;
man kann sich verlaufen, versehen, verlesen. Aber man
kann auch ordnen, kombinieren und erkennen. Dabei ist
nichts bürokratisch auf eine wie auch immer geartete
Vollständigkeit hin komponiert. Salah Saouli hat
keine dokumentarische Ambitio-nen. Vielmehr geht es
um die Versammlung historischen Mate-rials zum Zwecke
der Assoziation von Gegenwärtigem. Die Paral-lelen
von Berlin und Beirut sind keineswegs aufdringlich,
auch ist das Beieinander keine politische Demonstration
oder menetekelharte Warnung.
Es geht ganz nüchtern um Orte des Krieges im Zwanzigsten
Jahrhundert, um Schauplätze der Wandlungen und
der Gewalthaften Umbrüche, es geht um die metaphorische
und individuelle Qualität dieser Orte. Es könnten
andere sein, aber er, der Künstler, hat diese erlebt.
So entstehen essayis- tische Räume der Vergegenwärtigung:
Sie haben keinen Anfang und kein Ende, Tafel folgt auf
Tafel, der Raum wuchert, wie die Verknüpfungen
der Gedanken sich immer anders ergeben. In diesem Vorgang
entsteht eine Arbeit, die vor allem ästhetisch
und kumulativ argumentiert. Wäre sie logisch, würde
sie im Gegensätzlichen stecken bleiben. Die Transparenz
der Tafeln ermöglicht deren zarte Berührung,
die eine Berührung der Gegenstände und damit
der Inhalte ist. Eine Berührung - nicht mehr, aber
weniger auch nicht. Es hat den Anschein, als würde
die Konjunktur, die die ‘Erinnerungsarbeit’
gegenwärtig durchmacht, direkt proportional zu
der Verflüchtigung von Erinnerung an-steigen. Der
Vorgang hat etwas Schmerzhaftes, aber er ist unausweichlich.
Mit Denkmälern, Museen und ‘Erinnerungsräumen’
versuchen wir, etwas festzuhalten, von dem wir hoffen,
es könne uns und die Nachfolgen-den zum Besseren
verleiten. Gewaltige Material-mengen werden zu diesem
Zweck umgeschlagen. Die Ahnung der Vergeblichkeit steigert
das Bemühen nur zu oft in Hybris. Der einzelne
Künstler kann solche
Last nicht tragen. Weil Salah Saouli das weiß,
verharrt er im Stadium der Andeutungen. Das hält
seine Arbeit offen für neue Erfahrung. Das Labyrinth
ist das Bild einer lebendigen Situation.
Matthias Flügge | Berlin | Juli 2000 Katalog das
Labyrinth, Berlin 2000
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